Surgical Tribune Germany
Fast 70.000 Patienten werden jährlich in Deutschland mit einer Aortenklappenstenose stationär aufgenommen. (Bild: ilusmedical/Shutterstock)

Neue Operationsmethode ermöglicht maßgeschneiderte Aortenklappe aus körpereigenem Herzgewebe

By Deutsche Herzstiftung
July 24, 2020

Lübeck – Unter Anwendung der Ozaki-Prozedur können Chirurginnen und Chirurgen Ersatzherzklappen aus körpereigenem Gewebe formen und gegen die erkrankte Herzklappe austauschen – was viele Vorteile bietet. Bislang bestehen für diese Operationsmethode jedoch wenig klinische Daten. Um dies zu ändern fördert die Deutsche Herzstiftung mit der von ihr gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) die detaillierte Erforschung des vielversprechenden Verfahrens durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck.

Die häufigste Erkrankung der Herzklappen ist die Aortenklappenstenose, eine Verengung der Aortenklappe. Rund 4 Prozent der 60- bis 70-Jährigen und bis zu 10 Prozent der über 80-Jährigen leiden daran in Deutschland. Fast 70.000 Patienten werden alljährlich mit einer Aortenklappenstenose stationär aufgenommen. Bleibt die Erkrankung unbehandelt, kommt es innerhalb weniger Jahre zu einer schweren Herzschwäche oder gar zum Tod. Der frühzeitige Austausch der defekten Klappe kann das Herz vor schweren Schäden bewahren und die Lebensqualität der Betroffenen erhalten. Bislang nutzen Herzchirurginnen und Herzchirurgen als Klappenersatz entweder künstliche (mechanische) Klappen aus Metall oder biologische Klappen, zumeist von Rindern oder Schweinen. Beide Ersatzklappentypen haben Vor- und Nachteile: Die mechanische Klappe ist lange haltbar, macht aber die lebenslange Einnahme gerinnungshemmender Medikamente notwendig. Biologische Klappen erfordern keine lebenslange Antikoagulation, haben aber eine begrenzte Lebenszeit von zehn bis 15 Jahren. Bei Kindern und jungen Erwachsenen mit angeborenen Klappenfehlern kann die Haltbarkeitsdauer noch kürzer sein. Die Klappe muss dann erneut ausgetauscht werden.

Lösung für ein Dilemma: höhere Haltbarkeit, weniger Gerinnungshemmer

Die Ozaki-Prozedur könnte eine Lösung für dieses Dilemma sein: Statt mechanische Klappen aus Metall oder biologische Klappen von Tieren zu implantieren, maßschneidern Chirurginnen und Chirurgen während der Operation eine neue Aortenklappe aus patienteneigenem Gewebe. Benannt ist die neue Methode nach Dr. Shigeyuki Ozaki, einem japanischen Herzchirurgen, der das Verfahren entwickelt hat. „Die Ozaki-Prozedur hat das Potenzial, die positiven Eigenschaften von mechanischen und biologischen Klappen zu kombinieren“, erklärte Dr. med. Buntaro Fujita, Leiter der herzchirurgischen Forschung in der Klinik für Herz- und thorakale Gefäßchirurgie am UKSH.

Wie gut die neue Methode im Vergleich zur herkömmlichen Vorgehensweise funktioniert und wie sie verbessert werden kann, wollen Fujita und sein Team im Labor detailliert untersuchen. Um die Ersatzklappe nach der Ozaki-Methode herzustellen, benutzen sie Gewebe vom Perikard der Patientinnen und Patienten. Zunächst entfernen sie während der Operation die defekte Aortenklappe, schneiden dann ein kleines Stück des Perikards heraus, rekonstruieren daraus die Aortenklappe in der individuell passenden Größe und nähen die fertige Klappe wieder am natürlichen Klappenring an. „Das kommt der natürlichen Aortenklappe sehr nahe“, sagte Fujita. Zudem provoziere das körpereigene Gewebe keine Abwehrreaktionen des Immunsystems – die Angriffe der Immunzellen lassen körperfremdes biologisches Klappenmaterial mit der Zeit degenerieren.

„Das kommt der natürlichen Aortenklappe sehr nahe“ – Dr. med. Buntaro Fujita, UKSH

Die neue Klappe aus patienteneigenem Perikard verspricht nicht nur haltbarer zu sein, auch die lebenslange Einnahme von Gerinnungshemmern dürfte verzichtbar werden. Anders als mechanische Klappen aus Metall stören die Ersatzklappen aus körpereigenem Gewebe nicht die Blutgerinnung und begünstigen das Entstehen gefährlicher Blutgerinnsel. Möglicherweise funktionieren die maßgeschneiderten Klappen auch besser und können ihre Aufgabe als richtungsweisende Ventile zuverlässiger erfüllen. Im Unterschied zu den herkömmlichen Prothesen kommen sie ohne Befestigung an einen künstlichen Prothesenring, der hart und unflexibel ist. Aufgrund der erhalten gebliebenen Elastizität kann sich die Ozaki-Klappe besser an den Blutfluss und die natürlichen Strömungsverhältnisse anpassen. Und nicht zuletzt: Sollte die Ozaki-Klappe dennoch im Laufe des Lebens verschleißen, lässt sie sich voraussichtlich mit der minimalinvasiven TAVI-Methode ohne erneute Operation am offenen Herzen ersetzen.

Fokus liegt auf Langzeiteffekten der neuen Ozaki-Klappen

Insgesamt sprechen viele Gründe dafür, dass die via Ozaki-Prozedur hergestellten Klappen wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit den natürlichen Herzklappen haben als die bislang verwendeten Prothesen. „Zugleich hoffen wir, dass sich diese wichtigen Punkte auch auf die Langzeiteffekte des Aortenklappenersatzes und damit auf die Prognose des Patienten auswirken“, betonte Prof. Dr. med. Armin Welz, Herzchirurg und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der DSHF.

Klinische Daten indes, die diese Vorteile handfest belegen, gibt es bislang nur wenige. Das wollen die Forscherinnen und Forscher des UKSH ändern. In drei umfangreichen Teilprojekten prüfen sie unter Laborbedingungen, ob die Ozaki-Klappen im Vergleich zu den üblichen Prothesen auch praktisch halten können, was sie theoretisch versprechen. Am Ende der Untersuchungen sollen Empfehlungen stehen, die eindeutig für oder gegen die neue Methode sprechen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2021 - All rights reserved - Surgical Tribune International