Surgical Tribune Germany

Diabetisches Fußsyndrom: Hälfte aller Amputationen unnötig

By DDG
November 13, 2020

Berlin – Obwohl morgen durch den Weltdiabetestag mehr Bewusstsein für die Krankheit geschaffen wird, stellt sie immer noch eine große medizinische Herausforderung dar. Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist nach wie vor eine der häufigsten Folge- und Begleiterkrankungen bei Diabetes Typ 1 und Typ 2. Durch flächendeckende, gezielte Maßnahmen könnte diese Zahl deutlich reduziert werden, konstatiert die Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Auf der 14. Diabetes Herbsttagung Anfang November erörterten Experten der AG, welche Maßnahmen eine Fußläsion vorbeugen, wie Betroffene vom DDG Zertifizierungsverfahren profitieren und wie sie ihren neuen Rechtsanspruch auf unabhängige ärztliche Zweitmeinung durchsetzen können.

Muss ein Zeh, ein Teil des Fußes oder schließlich gar ein ganzes Bein aufgrund eines diabetischen Fußsyndroms amputiert werden, stellt dies für behandelnde Ärztinnen und Ärzte eine schwere Entscheidung mit unumkehrbaren Folgen für die Mobilität und die Lebensqualität betroffener Patientinnen und Patienten dar. „Geeignete Präventionsmaßnahmen und interdisziplinäre ärztliche Zusammenarbeit kann Betroffenen einen solchen Weg ersparen“, erklärte Dr. med. Michael Eckhard, Sprecher der AG Diabetischer Fuß der DDG. „Dass diesbezüglich noch viel zu tun ist, zeigen die Zahlen. Noch immer gehen etwa zwei Drittel aller jährlichen Amputationen in Deutschland auf das diabetische Fußsyndrom zurück – rund die Hälfte wäre vermeidbar.“

Nationale wie internationale Studienergebnisse zeigen, dass es beim DFS auf eine frühzeitige Zuweisung der Patientinnen und Patienten an eine spezialisierte Behandlungseinrichtung ankommt. „In zertifizierten Zentren liegt die Rate der Major-Amputationen nur bei etwa 3 Prozent, während sie in der Regelversorgung dagegen noch bei über 10 Prozent liegt“, betonte Eckhard. Er fordert daher: „Alle Menschen mit DFS müssen an ein multidisziplinäres Fußbehandlungsteam verwiesen werden – und zwar ohne Verzögerung.“ Wie die Entstehung eine Fußulkus verhindert werden kann ist auch Gegenstand derzeitiger Pilotstudien unter der Ägide der AG.

Anspruch auf Zweitmeinung

Seit 15 Jahren setzt sich die AG im Rahmen eines strukturierten Zertifizierungsverfahrens von Behandlungseinrichtungen für den Erhalt amputationsbedrohter Extremitäten bei Menschen mit Diabetes mellitus ein. Diese Arbeit hat bereits Früchte getragen. So hat der Gemeinsame Bundesausschuss dieses Jahr beschlossen, dass gesetzlich krankenversicherte Patientinnen und Patienten mit einem DFS vor einer geplanten Amputation einen Rechtsanspruch auf Einholung einer unabhängigen ärztlichen Zweitmeinung haben. „Dies soll Betroffene unterstützen, eine informierte Entscheidung zur möglichen Auswahl zwischen invasiven oder konservativen Behandlungsmöglichkeiten zu treffen und damit gegebenenfalls eine medizinisch nicht gebotene Amputation zu vermeiden“, erläuterte Eckhard. Hierfür ist die AG derzeit an einem Stellungnahmeverfahren zu einer vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erstellten Entscheidungshilfe für Amputationen beim DFS beteiligt.

„Darüber hinaus haben wir ein im klinischen Alltag einsetzbares Tool auf telemedizinischer Basis entwickelt, welches eine zeitlich und örtlich unabhängige qualifizierte Zweitmeinung ermöglicht“, führte Prof. Dr. med. Ralf Lobmann aus, der als Tagungspräsident fungierte. Es soll dazu beitragen, Patientinnen und Patienten eine zeitgerechte Entscheidungshilfe an die Hand zu geben, ohne die Versorgungseinrichtung verlassen zu müssen. Denn: „Steht eine große, sogenannte Major-Amputation an, ist die Situation immer dringlich und erfordert eine Entscheidung binnen maximal 36 Stunden.“ Das sei unter derzeitigen Bedingungen kaum realisierbar. Anknüpfend an diesem Modell entwickelt die DDG in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Internisten und weiterer Kooperationspartner eine Plattform für ein telemedizinisches Fußkonsil. Kürzlich ist auch der Fuß-Pass der DDG erschienen. Er soll durch gezielte Patientenaufklärung das Zweitmeinungsverfahren bekannt machen und zur Senkung der hohen Amputationsrate beitragen.

Amputation durch Stammzelltransplantation verhindern

Im Rahmen der Herbsttagung stellten die Experten alle derzeit laufenden Projekte der AG vor. Zudem beschäftigten sich zwei Symposien und mehrere Workshops mit dem DFS. Laut Lobmann ging es unter anderem darum, wie eine stagnierende Wundheilung mittels Transplantation von Stammzellen, welche aus Fettgewebe der Betroffenen selbst gewonnen wurden, in Gang gebracht und damit Amputationen vermieden werden konnten. Ein weiteres Thema stellte die Wiederherstellung der Durchblutung in Bein und Fuß betroffener Patientinnen und Patienten dar. Ohne eine ausreichende Durchblutung sind meist alle weiteren Maßnahmen zur Wundheilung und zum Erhalt der Extremitäten vergeblich. Im Fokus stand, wie diese gerade unterhalb des Knies mit neuesten Kathetern und Instrumenten gelingen kann.

1 Comment

  • Dr. Winfrid Gundelsheimer says:

    Wie schon in den Jahren 1995 und später festgestellt sollte eine routinemäßige Kontrolle der Füße eines Diabeteskranken durch einen Azt oder Podologen erfolgen. Hierdurch können beginnende Durchblutungsstörungen und/oder Wunden bzw. -heilungsörungen frühzeitig erkannt und somitangegangen werden, bevor eine lokale Resektion notwendig wird. Hierzu hat schon die Thür.Diab.Gesellschaft eine Vorgehensweise empfohlen und als Flyer und Poster veröffentlicht. Ist dieses Vorgehen in Vergessenheit geraten?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2021 - All rights reserved - Surgical Tribune International